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Ein Graf und zwei Frauen

Es war einmal ein Graf … So oder so ähnlich beginnt die Sage vom Grafen von Gleichen. Sie ist fester Bestandteil des Thüringer Sagenschatzes, aber erzählt wird nicht die übliche Geschichte von unerfüllter, geheimer oder tapferer Liebe, sondern recht glaubwürdig, wie ein Thüringer Adeliger mit Erlaubnis der katholischen Kirche in Polygamie lebte.

Kurz zusammengefasst lautet die Sage folgendermaßen: Graf Ernst von Gleichen brach zum Kreuzzug ins Heilige Land auf, und wurde dort gefangengenommen. In den Gärten des Sultans musste er fortan hart arbeiten, und dort fiel er der Sultanstochter Melechsala auf, die sich ob seiner edlen Gestalt in ihn verliebte. Sie bot dem Grafen an, ihm zur Flucht zu verhelfen, wenn er sie dafür ehelichen würde. Da der Graf schon verheiratet war, sträubte er sich gegen diesen Vorschlag, willigte jedoch ein, als Melechsala ihm vor Augen hielt, das dies die einzige Möglichkeit wäre, seine Familie wiederzusehen. Auf dem Weg nach Europa erwirkte der Graf in Rom die päpstliche Erlaubnis zur zweiten Ehe. Mit seiner neuen Ehefrau traf er schließlich nach langer Reise an der Burg Gleichen, dem Stammsitz des Adelsgeschlechtes, ein. Die Sultanstochter im Tal unter der Burg zurücklassend ritt er allein hinauf, um seiner Ehefrau gegenüberzutreten und ihr zu erklären, unter welchen Umständen es ihm möglich geworden war zurückzukehren. Glücklich darüber, ihren Mann heil an Leib und Seele wiederzubekommen, willigte seine Gemahlin in die Zweitehe ein und ritt mit dem Grafen ins Tal. Dort fielen sich die zwei Frauen in die Arme und lebten fortan in Harmonie und Freude.

Wahr oder nicht wahr? Fakt ist, dass im Erfurter Dom der Grabstein eines Grafen von Gleichen aufgestellt ist, der von zwei Frauen flankiert ist. Beide Frauen tragen einen Schleier, im Mittelalter ein deutliches Zeichen, dass sie verheiratet waren. Die Rechte der beiden trägt eine Krone und prächtige Kleidung, steht also deutlich ranghöher als die Linke, deren Haube und Gewänder etwas schlichter sind.

Doch welcher Graf von Gleichen liegt hier eigentlich? Manche sprechen von Erwin II., andere von seinen Söhnen Ernst III. oder Lambert II. oder gar dem Enkel Ernst IV.

Geht es nach der Sage, dann müsste es Graf Ernst III. sein, den nur er war alt genug, um an einem Kreuzzug teilzunehmen, bei dem die Kreuzfahrer relativ kurze Zeit nach Kreuzzugsbeginn durch ein Heer des Sultans vernichtend geschlagen wurden (der fünfte Kreuzzug 1217-1229). Und nur er lebte lange genug um nach einer Befreiung nach Hause zurückkehren zu können und dort ein langes Leben zu führen.

Doch die Sage entstand erst im 15./16. Jahrhundert, eben weil es unerklärlich war, dass ein Grabstein zwei Ehefrauen, aber nur einen Ehemann zeigt.

Die Moderne sieht das Ganze nüchterner, und nimmt an, dass der Grabstein zu Lambert II. gehört, und die Damen neben ihm seine erste und seine zweite Frau darstellen. Wohlgemerkt, die zweite (Sophie von Weimar-Orlamünde) hatte er erst nach dem Ableben der ersten (einer gewissen Ottilia) geehelicht. Wenn es denn so war, bleibt rätselhaft, warum der Graf beiden Frauen Platz auf seinem Grabstein zugestand.

Andere wiederum behaupten, dass die Grabplatte für Graf Erwin II. und seine Frau Adelheid von Orlamünde sowie ein nicht genauer zu identifizierendes Familienmitglied angefertigt worden sei. Doch wie soetwas üblicherweise aussieht kann man in der benachbarten Severikirche sehen. Dort sind auf der Grabplatte des Heiligen Severus der Heilige mit seiner Frau und der Tochter Innocentia abgebildet. Der entscheidende Unterschied, Severus Tochter ist eindeutig als unverheiratete Frau in der Obhut ihrer Familie dargestellt. Ihre Haare sind offen und fallen weit über die Schultern herab und anstelle eines Schleiers trägt sie ein Blumenband auf dem Haupt.

Etwas Licht ins Dunkel könnten wissenschaftliche Untersuchungen bringen. In den 1860er Jahren wurden von den drei Schädeln Gipsabdrücke gemacht, doppelt sogar, ein Satz für das Königlich Bayrische Nationalmuseum in München und einer für den Erfurter Geschichtsverein. Doch heute sind die Gipsabgüsse verschollen. In den Verzeichnissen der möglichen Museen tauchen sie nicht auf, und es könnte durchaus sein, das ein gar Geschichtsbeflissener sie seiner Privatsammlung einverleibt hat. Da Gegenstände an Wert verlieren, wenn ihre Geschichte vergessen wird, kann es sein, dass sie unerkannt in einer Abstellkammer verstauben.

Die Knochen des gräflichen Trios sind heute wieder zur Ruhe gebettet und somit jeder Untersuchung entzogen. Ein DNA-Test könnte zumindest zeigen, ob und in welchen Verwandtschaftsverhältnissen die Drei zueinander standen.

Und so bleibt uns heute nur die Phantasie. Sei es nun eine schöne Sultanstochter die einem gutaussehenden Adeligen die Ehe antrug oder ein romantischer Graf, der seine erste Liebe nie vergaß, warm ums Herz kann es einem dabei allemal werden.

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