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Schloss Dryburg in Bad Langensalza

Bad Langensalza ist einen Besuch wert. Die Fassaden entlang der romantischen Altstadtgassen sind krumm und schief. Manchmal hinter Putz versteckt, manchmal aufwendig restauriert bildet jahrhundertealtes Fachwerk mit unterschiedlichen Balkenmustern eine bezaubernde Stadtkulisse. Dazwischen die spätgotischen Kirchen St. Bonifazius und St. Stefan mit ihren hohen Türmen sowie grandiose Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung.

Die Burg in der Stadt dagegen könnte man fast übersehen. Am Rande eines Parkplatzes steht sie und sieht eher aus wie eine etwas trutziger geratene Residenz eines gut betuchten Stadtbürgers. Es handelt sich um das Schloß Dryburg. Der älteste Teil der Anlage ist der Westflügel, doch komplett hellblau verputzt sieht man ihm weder sein wahres Alter noch die vielen Umbauten auf den ersten Blick an. Die Fassade wirkt einheitlich und die viereckigen Fenster durch die farblichen Absetzungen genormt. Aber der Eindruck täuscht. Es gibt ein Doppelfenster, schmalere Fenster, höhere Fenster und ganz kleine Fenster, und die Abstände zwischen ihnen sind alles andere als regelmäßig. Soetwas passiert meist dann, wenn altes Gemäuer „aufbereitet“ wird. Dabei diktieren ältere Trennwände oder Treppenhäuser die Größe und Positionen der neueren Fenster. Und tatsächlich, unter der Tünche zeichnen sich die Steine ab, und man kann erkennen, dass die Ecken des Gebäudes mit sorgfältig bearbeiteten, extra großen Steinblöcken gesetzt sind. Auch inmitten der Fassade findet sich eine senkrechte Fuge, entlang der sich dieselbe Mauertechnik findet. Also wurde an einen älteren Gebäudeteil etwas angebaut. Dazu zeigt eine waagerechte holperige Steinlinie an, dass zumindest Stücke des oberen Gebäudes auf einen älteren Teil aufgesetzt wurden …

Ich mache mir all die Mühe, um dass Gebäude so alt zu machen, wie ich es brauche. Nämlich mindestens 855 Jahre. Aber dafür muss ich ein klein wenig ausholen:

1191 eroberten die Kreuzfahrer unter Führung des englischen Königs Richard Löwenherz und des französischen Königs Phillip II. die Stadt Akko von Sultan Saladin. Erst 1187 hatte Saladin die Stadt in muslimischen Besitz gebracht, doch schon 1189 zog ein Kreuzfahrerheer vor Akko und versuchte die Stadt einzunehmen. Während der langen Belagerung Akkos gründeten norddeutsche Kreuzfahrer ein Feldlazarett, das nur wenige Jahre später 1198 zum dritten Ritterorden wurde, dem Deutschen Ritterorden. Die zuvor gegründeten Templer und Johanniter hatten schon große Machtbereiche des Heiligen Landes unter sich aufgeteilt, und der Deutsche Orden musste hart kämpfen um Besitz und Privilegien zu erwerben. Viele dieser Vergünstigungen hat der Orden der politischen Umtriebigkeit und wirtschaftlichen Tüchtigkeit eines einzigen Mannes, nämlich Hermann von Salza, zu verdanken. Er war von 1210 bis 1239 vierter Hochmeister des Deutschen Ordes und in dieser Zeit unablässig darum bemüht Macht und Einfluss des Ordens zu vergrößern. Dank ihm wurde der Orden mit den Templern und Johannitern gleichgestellt, und Dank ihm schenkte Kaiser Friedrich II. dem Orden Preußen …

Und wie passt das jetzt alles zu Schloss Dryburg und seiner buckeligen Fassade? Genau in diesem Gebäude wurde gegen 1170 vermutlich Hermann von Salza geboren. Urkundlich wird das Schloß um 1200, noch zu Lebzeiten von Herman von Salza, aber fast 40 Jahre nach seiner Geburt, als Sitz der Herren von Salza erwähnt. An ein solch beträchtliches Alter kommt zumindest die heutige Fassade des Schlosses nicht heran. Aber in seinem Inneren verbergen sich neben gotischen Spuren auch Reste eines romanischen Kellers und eines spätromanischen Wohnturms. Überreste von Gebäuden also, die Hermann von Salza gekannt haben könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er im Vorgängerbau von Schloß Dryburg geboren wurde, ist hoch, gestorben jedoch ist er ganz woanders. Seine Ambitionen führten ihn in den Mittelmeerraum, unter anderem nach Italien und ins Heilige Land, und Thüringen besuchte er nur noch ganze vier Mal. 1239 starb er in dem Land, das er zu seiner Wahlheimat gemacht hatte, Italien.

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Das Heilige Grab in Gernrode

In Gernrode bei Quedlinburg geht es geruhsam zu. Die Altstadt ist klein und von Fachwerkhäusern durchzogen, doch inmitten der Bürgerhäuser erhebt sich der Bau eines der bedeutensten Denkmäler der Romanik, die Stiftskirche St. Cyriakus. Tatsächlich wurde der Bau der Kirche schon im 10. Jahrhundert von Markgraf Gerno begonnen und nach seinem Tode von seiner Schwiegertochter Hathui weitergeführt. In Ermangelung männlicher Erben wurde aus der Kirche und dem dazugehörigen Besitz ein Frauenstift. Hier wurden Mädchen aus adeligem Hause erzogen und in all dem gelehrt, was nötig war, um aus ihnen nicht nur gute Ehefrauen sondern auch begabte Diplomatinnen und kluge Herrscherinnen zu machen. Die Auflösung des Stiftes im 16. Jahrhundert führte zum allmählichen Verfall der Stiftsgebäude, die schließlich im 19. Jahrhundert größtenteils abgerissen wurden. Diesem Schicksal entging die Kirche, doch dort, wo einst Menschen zu Gott beteten, grunzte Vieh und wurden Kartoffeln und Getreide gelagert.

Dass die Kirche innen und außen heute wieder romanisch aussieht, hat sie einem Mann, nämlich Ferdinand von Quast zu verdanken. Der studierte nicht nur Architektur, sondern beschäftigte sich auch eingehend mit Baustilen vergangener Epochen, veröffentlichte dazu Bücher und wurde schließlich von König Friedrich Willhelm IV. von Preußen zum Konservator preußischer Denkmäler ernannt. 1858 wurde er mit der Renovierung der St. Cyriakus Kirche in Gernrode beauftragt. Einen Auftrag, den Quast sorgfältig ausführte. Er berücksichtigte die noch erhaltene ottonisch-romanische Bausubstanz und bezog Spuren baulicher Veränderungen im Mauerwerk ein, indem er Vermauertes öffnen und Abgetragenes wieder aufbauen ließ. Im Inneren der Kirche wich er zumindest bei der Ausgestaltung von Decke, Altarraum und Kuppeln vom Vorhandenen ab, denn die romanisch wirkende Bemalung, die man heute sieht, hat nichts mit der Originalsubstanz zu tun.

Quast holte die Vergangenheit der Kirche in die Neuzeit, doch heute würden Bauhistoriker nicht mehr so arbeiten. Es ist viel zu viel (wieder) intakt, zu glatt repariert und zu übermalt. Etwas in der Kirche lässt aber doch den Atem stocken, nicht nur wegen seiner offensichtlichen Altehrwürdigkeit, sondern auch wegen seiner Einmaligkeit.

Im Kirchenhauptraum befindet sich vorn rechts neben dem östlichen Altarraum ein, ein wenig verstecktes Gebäude. Tritt man näher heran, erkennt man einen reich verzierten Schrein. Auf seiner Westwand schreiten Löwen, Adler, Menschen, Fabelwesen durch Weinlaub und Ranken und umringen Maria Magdalena. Jesus und noch einmal Maria Magdalena sind auf der Nordwand dargestellt. Sie künden an, was sich in diesem Schrein befindet. Das Grab desjenigen, der sich für die Menschen opferte, auferstand und ihnen bis heute Erlösung verheißt.

Über 3000 Kilometer von der Grabeskirche in Jerusalem entfernt, befindet sich hier der älteste Nachbau des Heiligen Grabes nördlich der Alpen. Wohl um das Jahr 1100 errichtet, enthält es zwei Kammern. Die Vorkammer, die man von Osten her durch ein Portal betreten konnte, ist heute leer. In der Hauptkammer befindet sich auf der linken Seite ein Arkosolium, eine bogenförmige Nische, die heute leer ist. Gegenüber dem Eingang steht die Figur eines Bischofs, die als Christus in der Rolle des guten Hirten interpretiert wird. An der rechten Wand befindet sich ein Sockel, der nach Auffassung der Wissenschaftler den Sarkophag als XXX des Grabes Jesu trug. Immer noch wird der Sockel von zwei Engeln flankiert von denen der vordere ein Spruchband in der Hand hält, das von der Auferstehung Jesu kündigt. Auf dem Sockel steht heute eine Frauengruppe, die wohl die drei Marien darstellt.

Die meisten Figuren befinden sich heute nicht mehr an ihren ursprünglichen Plätzen, nur die Positionen des Grabessockels und der Engel, die ihn flankieren, sind unverändert.

Bei der Restaurierung des Schreines des Heiligen Grabes ging Quast mit äußerster Behutsamkeit vor. Die fast tausendjährigen Reliefs die den Schrein außen schmücken sowie die die Figuren in der Grabkammer sind nämlich nicht aus Stein gehauen, sondern in Stuck auf einen steinernen Untergrund modelliert. So mancher Hand fehlt ein Finger, so manchem Gewand ein Stück des Saums oder sogar ganze Falten. An der Nordwand sind zwei Figuren komplett abgetragen worden, nur die Umrisse sind noch zu erkennen.

Sowohl an den empfindlichen Reliefs, die die Außenwände des Schreines verzieren als auch im Inneren des Grabes zeigen Spuren von Bemalung in welch kräftigen Farben das Grab ursprünglich strahlte.

Es ist erstaunlich, wie ähnlich das Heilige Grab in Gernrode dem Heiligen Grab in der Jerusalemer Grabeskirche ist. Beide Gräber zeigen eine Unterteilung in Vorraum und eine dahinterliegende Grabkammer. In beiden Gräbern betritt man den Vorraum durch eine Tür in der Ostseite. In Gernrode ist dieser Osteingang heute zugemauert, und stattdessen wurde eine Tür in die Nordwand der Vorkammer gebrochen. In beiden Gräbern befindet sich auch der Eingang in die Grabkammer auf der Ostseite. In beiden Gräbern ist das Grab Jesu an der Nordwand der Grabkammer. Beide Gräber zeigen dort, wo Jesus einst lag eine erhöhte Steinplatte. In Gernrode mag es sein, dass sich darauf ein Sarkophag oder eine Art Bank befunden hat …

Zufall? Eher nicht. Bei Ausgrabungen in der Vorkammer des Heiligen Grabes in Gernrode entdeckte man an dessen Südseite eine Frauenbestattung. Grabbeigaben fehlten fast gänzlich, doch ihr mitgegeben war ein kleines Pilgerkreuz aus Karneol, das als Vorläufer des Jerusalemkreuzes interpretiert werden kann, also des Kreuzestypes, der im Heiligen Land zur Zeit der Kreuzzüge entstand und von dort von Pilgern mit zurück in die Heimat genommen wurde. Die Bestattete war demnach auf einer Pilgerreise in Palästina gewesen und hatte dort die heiligen Orte der Christenheit besucht. Sie könnte es gewesen sein, die den Erbauern des Heiligen Grabes in Gernrode berichtet hatte, wie das Jerusalemer Grab aussah. Vielleicht war sie eine Nonne des Stiftes oder eines der adeligen Mädchen, die dort unterrichtet wurden? Das werden wir wahrscheinlich nie genau wissen, jedoch den Beitrag zur Errichtung des Heiligen Grabes von Gernrode gestehen wir ihr gern zu.

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Marias Wohnhaus in … Leutershausen

Eigentlich müsste Marias Wohnhaus ja in Nazareth in Galiläa stehen. Dort erhebt sich die 1969 gebaute Verkündigungsbasilika über dem Ort, an dem das Wohnhaus Marias der Tradition nach verehrt wird. Die im Brutalismus gebaute Kirche wirkt auf den ersten Blick fast abweisend, doch je öfter man die Kirche besucht, umso mehr erschliesst sich die detailreiche Anmut des Gebäudes. Was man dort allerdings vergeblich sucht, ist der Rest des Wohnhauses Marias. Zwar umschliesst das Untergeschoss der Kirche die Felshöhle, in der der Erzengel Gabriel Maria erschien, aber die Treppe, die von der Höhle ins Erdgeschoss steigt, führt ins Nichts und auch das Areal vor der Grotte ist leer, obwohl sich an die Höhle eigentlich ein kleines Haus angeschlossen hatte, dessen vierte Wand der Felsen der Grotte bildete.

Glaubt man der Legende, dann liegt das daran, dass dieses Haus im Mai 1291 von Engeln fortgetragen wurde. Die Lage im Heiligen Land hatte sich zu dieser Zeit mehr und mehr zugespitzt. Das Lateinische Königreich hatte an Territorium verloren und Städte, die vormals in christlicher Hand gewesen waren, wurden nun von den Moslems beherrscht. Aus Angst vor moslemischer Zerstörung wurden die drei aufgemauerten Wände des heiligen Hauses vor der Grotte abgetragen und mit Karren auf dem Weg über Land und Meer oder eben auf Engelsflügeln nach Europa in Sicherheit gebracht. Drei Jahre verweilte das Heiligtum in Kroatien bevor es 1294 nach Italien kam. Auch hier wurde es noch zweimal umgesetzt, denn Neid und Besitzanspruch verhinderten, dass das Haus zur Ruhe kam. Schliesslich fand das Haus auf einer Straße seinen endgültigen Platz. Die Straße ist schon längst verschwunden, und an ihrer Stelle erhebt sich heute die Kathedrale von Loreto, in deren Innerem umgeben von einem reich verzierten Marmorschrein die Überreste des Heiligen Hauses stehen.

Pilger aus aller Welt ziehen seit dem Mittelalter nach Loreto um Maria um Schutz und Hilfe zu bitten. So auch der in Mannheim ansässige Reichsgraf Ferdinand Andreas von Wiser. Zurück von einer Walfahrt nach Loreto veranlasste er 1737 den Nachbau des Elternhauses Marias im Hof seines neu gebauten Residenzschlosses in Leutershausen, der 1742 geweiht wurde. Wenn man heute den Schlosshof von Schloss Wiser betritt, steht linker Hand diese sogenannte Loretokapelle. Viel Ähnlichkeit mit dem Marienhaus in Loreto hat sie nicht. Weder Fenster noch Türöffnungen entsprechen denen im Marienhaus in Loreto. Aber die Kapelle ist schlicht und ihre Abmessungen sind dieselben wie Marias Wohnhaus, 9,5 x 4 Meter. Am wichtigsten jedoch, in dieser Kapelle stand bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die Schwarze Madonna, eine Nachbildung der Schwarzen Madonna von Loreto, die der Reichsgraf für die Ausschmückung der Loreto-Kapelle in Italien in Auftrag gegeben hatte. Die Mariendarstellung zog von nun an Pilger zur Walfahrt “Maria, Hilfe der Christen” nach Leuterhausen. Manchmal waren es sogar Tausende an einem Walfahrtstag, die dem Gottesdienst beiwohnten.

1907 wurde weiter oben am Berg, östlich des Schlosses eine neue, größere Kirche gebaut, die St. Johannes Kirche. Die Schwarze Madonna zog in das neue Kirchengebäude, in der Kapelle blieb der Barockaltar der Originalausstattung zurück.

Die Schwarze Madonna von Loreto hatte ein weniger friedvolles Schicksal. Sie wurde 1921 durch einen Brand zerstört und durch den Bildhauer Enrico Quattrini aus dem Holz einer Zeder der Vatikanischen Gärten neu geschaffen. Wer eine barocke Kopie der originalen Mariendarstellung von Loreto bewundern oder verehren möchte, dem sei ein Besuch der St. Johannes Kirche in Leutershausen also wärmstens an Herz gelegt.

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Helmzier zwischen Orient und Okzident

Was wäre der Ritter ohne seine Rüstung?! Geharnischt und behelmt zog er in die Schlacht, ins Turnier und vor die schönen Damen. Und war er gestorben, wurde ihm ein Helm ins Grab gelegt. Besonders beim Turnier und im Tode wurde herausgeputzt, was das Zeug hielt. Die Rüstung bot zwar viel mehr Fläche zum Dekorieren, doch ausgerechnet der kleine Helm war der Ort des gewagtesten Schmuckes, der Helmzier. Bei Turnieren trugen die Ritter besonders aufwendigen Kopfputz auf ihren Helmen und auch auf dem Grabstein wurde über dem Wappen des Verstorbenen der üppig dekorierte Helm als Teil des Oberwappens abgebildet.

Die Turniere bei denen geschmückte Helme zur Schau gestellt wurden, sind längst Vergangenheit, doch jeder, der sich ein wenig fürs Mittelalter interessiert, hat schon einmal solche Helme, eingemeiselt auf Grabplatten in Kirchen, Schlössern und Burgen, gesehen. Der Helmschmuck, der uns dabei wahrscheinlich am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist, sind Zweige, Hörner, Federn oder Flügel. Diese Motive aus Wald und Flur bildeten die ersten Helmzierden und kamen wohl Anfang des 13. Jahrhunderts auf. Was wir allerdings weniger in Erinnerung haben, da wir sie seltener zu Gesicht bekommen, sind all die anderen Dinge, die auch auf einen Ritterhelm passen. Mit der Zeit nämlich wurden die Aufsätze, die die Helme schmückten, immer abenteuerlicher.

Bekanntschaft mit außergewöhnlicher Helmzier habe ich nicht hier am Geburtsort des Rittertums gemacht, sondern an einem eher untypischen Ort, der Geburtskirche in Bethlehem. Dort befinden sich an den Säulen des Hauptschiffes der Kirche mittelalterliche Graffiti, die die unterschiedlichsten Helme europäischer Adeliger mit den waghalsigsten Helmzierden zeigen. Doch zuerst eine klitzekleine Helmkunde, damit die dargestellten Helme auf Gräbern, Möbeln und Gemälden, an Burg- und Kirchenwänden zeitlich besser einzuordnen sind.

Im Mittelalter entwickelten sich ab dem frühen 13. Jahrhundert aus der Hirn- oder Beckenhaube zunächst der zylindrische und oben flache Topfhelm. Schon Ende des 14. Jahrhunderts wurde er vom oben abgerundeten Kübelhelm abgelöst. Danach kam der Stechhelm in Mode, der mit seinem dünnen Sehschlitz über dem vorgeschobenen Untergesichtsschutz aussieht wie ein stilisierter Krötenkopf. Anfang des 16. Jahrhunderts entwickelte sich unabhängig von Topf- oder Stechhelm aus dem Eisenhut (tatsächlich ein komplett aus Eisen gefertigter Hut mitsamt Krempe) die geschlossene Sturmhaube.

Die Graffiti der Geburtskirche zeigen Topf- und Stechhelme sowie Sturmhauben und datieren dementsprechend vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Die Topfhelme sind bekrönt von Reiher, Schwan oder Mohrenköpfen. Ein Helm gar wird von einem Wolfsrachen fast verschlungen. Auf den Sturmhauben prangen Drachen und die schon bekannten Büffelhörner, und ein Stechhelm trägt … Eselsohren.

Mit ihren überdrehten Aufsätzen wirken die Helme eher wie aus einem Fantasiefilm als aus dem Mittelalter, doch wirft man einen Blick in die Große Heidelberger Liederhandschrift, die zwischen 1300 und 1340 verfasst wurde, sieht man, dass die Helmzier tatsächlich ausufern konnte. Ein oder zwei Drachenklauen, stehende Fische, ein Glockenturm mit Wetterhahn und ein Käfig mitsamt Vogel bilden die Helmaufsätze der Sänger, deren Lieder in der Handschrift aufgezeichnet sind.

Ich versuche garnicht erst, die Helme, die mir sowohl im Heiligen Land als auch in Deutschland aufgefallen sind, Adelsgeschlechtern zuzuordnen. Dafür fehlt mir ganz einfach das Wissen. Doch an den Säulen der Geburtskirche in Bethlehem Symbole des europäischen Rittertums zu entdecken, die mir immer und immer vertrauter werden, je genauer ich in deutschen Städten, Kirchen und Burgen hinschaue, lässt die Weiten der Welt für mich ein wenig zusammenrücken.

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Ein Graf und zwei Frauen

Es war einmal ein Graf … So oder so ähnlich beginnt die Sage vom Grafen von Gleichen. Sie ist fester Bestandteil des Thüringer Sagenschatzes, aber erzählt wird nicht die übliche Geschichte von unerfüllter, geheimer oder tapferer Liebe, sondern recht glaubwürdig, wie ein Thüringer Adeliger mit Erlaubnis der katholischen Kirche in Polygamie lebte.

Kurz zusammengefasst lautet die Sage folgendermaßen: Graf Ernst von Gleichen brach zum Kreuzzug ins Heilige Land auf, und wurde dort gefangengenommen. In den Gärten des Sultans musste er fortan hart arbeiten, und dort fiel er der Sultanstochter Melechsala auf, die sich ob seiner edlen Gestalt in ihn verliebte. Sie bot dem Grafen an, ihm zur Flucht zu verhelfen, wenn er sie dafür ehelichen würde. Da der Graf schon verheiratet war, sträubte er sich gegen diesen Vorschlag, willigte jedoch ein, als Melechsala ihm vor Augen hielt, das dies die einzige Möglichkeit wäre, seine Familie wiederzusehen. Auf dem Weg nach Europa erwirkte der Graf in Rom die päpstliche Erlaubnis zur zweiten Ehe. Mit seiner neuen Ehefrau traf er schließlich nach langer Reise an der Burg Gleichen, dem Stammsitz des Adelsgeschlechtes, ein. Die Sultanstochter im Tal unter der Burg zurücklassend ritt er allein hinauf, um seiner Ehefrau gegenüberzutreten und ihr zu erklären, unter welchen Umständen es ihm möglich geworden war zurückzukehren. Glücklich darüber, ihren Mann heil an Leib und Seele wiederzubekommen, willigte seine Gemahlin in die Zweitehe ein und ritt mit dem Grafen ins Tal. Dort fielen sich die zwei Frauen in die Arme und lebten fortan in Harmonie und Freude.

Wahr oder nicht wahr? Fakt ist, dass im Erfurter Dom der Grabstein eines Grafen von Gleichen aufgestellt ist, der von zwei Frauen flankiert ist. Beide Frauen tragen einen Schleier, im Mittelalter ein deutliches Zeichen, dass sie verheiratet waren. Die Rechte der beiden trägt eine Krone und prächtige Kleidung, steht also deutlich ranghöher als die Linke, deren Haube und Gewänder etwas schlichter sind.

Doch welcher Graf von Gleichen liegt hier eigentlich? Manche sprechen von Erwin II., andere von seinen Söhnen Ernst III. oder Lambert II. oder gar dem Enkel Ernst IV.

Geht es nach der Sage, dann müsste es Graf Ernst III. sein, den nur er war alt genug, um an einem Kreuzzug teilzunehmen, bei dem die Kreuzfahrer relativ kurze Zeit nach Kreuzzugsbeginn durch ein Heer des Sultans vernichtend geschlagen wurden (der fünfte Kreuzzug 1217-1229). Und nur er lebte lange genug um nach einer Befreiung nach Hause zurückkehren zu können und dort ein langes Leben zu führen.

Doch die Sage entstand erst im 15./16. Jahrhundert, eben weil es unerklärlich war, dass ein Grabstein zwei Ehefrauen, aber nur einen Ehemann zeigt.

Die Moderne sieht das Ganze nüchterner, und nimmt an, dass der Grabstein zu Lambert II. gehört, und die Damen neben ihm seine erste und seine zweite Frau darstellen. Wohlgemerkt, die zweite (Sophie von Weimar-Orlamünde) hatte er erst nach dem Ableben der ersten (einer gewissen Ottilia) geehelicht. Wenn es denn so war, bleibt rätselhaft, warum der Graf beiden Frauen Platz auf seinem Grabstein zugestand.

Andere wiederum behaupten, dass die Grabplatte für Graf Erwin II. und seine Frau Adelheid von Orlamünde sowie ein nicht genauer zu identifizierendes Familienmitglied angefertigt worden sei. Doch wie soetwas üblicherweise aussieht kann man in der benachbarten Severikirche sehen. Dort sind auf der Grabplatte des Heiligen Severus der Heilige mit seiner Frau und der Tochter Innocentia abgebildet. Der entscheidende Unterschied, Severus Tochter ist eindeutig als unverheiratete Frau in der Obhut ihrer Familie dargestellt. Ihre Haare sind offen und fallen weit über die Schultern herab und anstelle eines Schleiers trägt sie ein Blumenband auf dem Haupt.

Etwas Licht ins Dunkel könnten wissenschaftliche Untersuchungen bringen. In den 1860er Jahren wurden von den drei Schädeln Gipsabdrücke gemacht, doppelt sogar, ein Satz für das Königlich Bayrische Nationalmuseum in München und einer für den Erfurter Geschichtsverein. Doch heute sind die Gipsabgüsse verschollen. In den Verzeichnissen der möglichen Museen tauchen sie nicht auf, und es könnte durchaus sein, das ein gar Geschichtsbeflissener sie seiner Privatsammlung einverleibt hat. Da Gegenstände an Wert verlieren, wenn ihre Geschichte vergessen wird, kann es sein, dass sie unerkannt in einer Abstellkammer verstauben.

Die Knochen des gräflichen Trios sind heute wieder zur Ruhe gebettet und somit jeder Untersuchung entzogen. Ein DNA-Test könnte zumindest zeigen, ob und in welchen Verwandtschaftsverhältnissen die Drei zueinander standen.

Und so bleibt uns heute nur die Phantasie. Sei es nun eine schöne Sultanstochter die einem gutaussehenden Adeligen die Ehe antrug oder ein romantischer Graf, der seine erste Liebe nie vergaß, warm ums Herz kann es einem dabei allemal werden.