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Schloss Dryburg in Bad Langensalza

Bad Langensalza ist einen Besuch wert. Die Fassaden entlang der romantischen Altstadtgassen sind krumm und schief. Manchmal hinter Putz versteckt, manchmal aufwendig restauriert bildet jahrhundertealtes Fachwerk mit unterschiedlichen Balkenmustern eine bezaubernde Stadtkulisse. Dazwischen die spätgotischen Kirchen St. Bonifazius und St. Stefan mit ihren hohen Türmen sowie grandiose Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung.

Die Burg in der Stadt dagegen könnte man fast übersehen. Am Rande eines Parkplatzes steht sie und sieht eher aus wie eine etwas trutziger geratene Residenz eines gut betuchten Stadtbürgers. Es handelt sich um das Schloß Dryburg. Der älteste Teil der Anlage ist der Westflügel, doch komplett hellblau verputzt sieht man ihm weder sein wahres Alter noch die vielen Umbauten auf den ersten Blick an. Die Fassade wirkt einheitlich und die viereckigen Fenster durch die farblichen Absetzungen genormt. Aber der Eindruck täuscht. Es gibt ein Doppelfenster, schmalere Fenster, höhere Fenster und ganz kleine Fenster, und die Abstände zwischen ihnen sind alles andere als regelmäßig. Soetwas passiert meist dann, wenn altes Gemäuer „aufbereitet“ wird. Dabei diktieren ältere Trennwände oder Treppenhäuser die Größe und Positionen der neueren Fenster. Und tatsächlich, unter der Tünche zeichnen sich die Steine ab, und man kann erkennen, dass die Ecken des Gebäudes mit sorgfältig bearbeiteten, extra großen Steinblöcken gesetzt sind. Auch inmitten der Fassade findet sich eine senkrechte Fuge, entlang der sich dieselbe Mauertechnik findet. Also wurde an einen älteren Gebäudeteil etwas angebaut. Dazu zeigt eine waagerechte holperige Steinlinie an, dass zumindest Stücke des oberen Gebäudes auf einen älteren Teil aufgesetzt wurden …

Ich mache mir all die Mühe, um dass Gebäude so alt zu machen, wie ich es brauche. Nämlich mindestens 855 Jahre. Aber dafür muss ich ein klein wenig ausholen:

1191 eroberten die Kreuzfahrer unter Führung des englischen Königs Richard Löwenherz und des französischen Königs Phillip II. die Stadt Akko von Sultan Saladin. Erst 1187 hatte Saladin die Stadt in muslimischen Besitz gebracht, doch schon 1189 zog ein Kreuzfahrerheer vor Akko und versuchte die Stadt einzunehmen. Während der langen Belagerung Akkos gründeten norddeutsche Kreuzfahrer ein Feldlazarett, das nur wenige Jahre später 1198 zum dritten Ritterorden wurde, dem Deutschen Ritterorden. Die zuvor gegründeten Templer und Johanniter hatten schon große Machtbereiche des Heiligen Landes unter sich aufgeteilt, und der Deutsche Orden musste hart kämpfen um Besitz und Privilegien zu erwerben. Viele dieser Vergünstigungen hat der Orden der politischen Umtriebigkeit und wirtschaftlichen Tüchtigkeit eines einzigen Mannes, nämlich Hermann von Salza, zu verdanken. Er war von 1210 bis 1239 vierter Hochmeister des Deutschen Ordes und in dieser Zeit unablässig darum bemüht Macht und Einfluss des Ordens zu vergrößern. Dank ihm wurde der Orden mit den Templern und Johannitern gleichgestellt, und Dank ihm schenkte Kaiser Friedrich II. dem Orden Preußen …

Und wie passt das jetzt alles zu Schloss Dryburg und seiner buckeligen Fassade? Genau in diesem Gebäude wurde gegen 1170 vermutlich Hermann von Salza geboren. Urkundlich wird das Schloß um 1200, noch zu Lebzeiten von Herman von Salza, aber fast 40 Jahre nach seiner Geburt, als Sitz der Herren von Salza erwähnt. An ein solch beträchtliches Alter kommt zumindest die heutige Fassade des Schlosses nicht heran. Aber in seinem Inneren verbergen sich neben gotischen Spuren auch Reste eines romanischen Kellers und eines spätromanischen Wohnturms. Überreste von Gebäuden also, die Hermann von Salza gekannt haben könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er im Vorgängerbau von Schloß Dryburg geboren wurde, ist hoch, gestorben jedoch ist er ganz woanders. Seine Ambitionen führten ihn in den Mittelmeerraum, unter anderem nach Italien und ins Heilige Land, und Thüringen besuchte er nur noch ganze vier Mal. 1239 starb er in dem Land, das er zu seiner Wahlheimat gemacht hatte, Italien.

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Das Heilige Grab in Gernrode

In Gernrode bei Quedlinburg geht es geruhsam zu. Die Altstadt ist klein und von Fachwerkhäusern durchzogen, doch inmitten der Bürgerhäuser erhebt sich der Bau eines der bedeutensten Denkmäler der Romanik, die Stiftskirche St. Cyriakus. Tatsächlich wurde der Bau der Kirche schon im 10. Jahrhundert von Markgraf Gerno begonnen und nach seinem Tode von seiner Schwiegertochter Hathui weitergeführt. In Ermangelung männlicher Erben wurde aus der Kirche und dem dazugehörigen Besitz ein Frauenstift. Hier wurden Mädchen aus adeligem Hause erzogen und in all dem gelehrt, was nötig war, um aus ihnen nicht nur gute Ehefrauen sondern auch begabte Diplomatinnen und kluge Herrscherinnen zu machen. Die Auflösung des Stiftes im 16. Jahrhundert führte zum allmählichen Verfall der Stiftsgebäude, die schließlich im 19. Jahrhundert größtenteils abgerissen wurden. Diesem Schicksal entging die Kirche, doch dort, wo einst Menschen zu Gott beteten, grunzte Vieh und wurden Kartoffeln und Getreide gelagert.

Dass die Kirche innen und außen heute wieder romanisch aussieht, hat sie einem Mann, nämlich Ferdinand von Quast zu verdanken. Der studierte nicht nur Architektur, sondern beschäftigte sich auch eingehend mit Baustilen vergangener Epochen, veröffentlichte dazu Bücher und wurde schließlich von König Friedrich Willhelm IV. von Preußen zum Konservator preußischer Denkmäler ernannt. 1858 wurde er mit der Renovierung der St. Cyriakus Kirche in Gernrode beauftragt. Einen Auftrag, den Quast sorgfältig ausführte. Er berücksichtigte die noch erhaltene ottonisch-romanische Bausubstanz und bezog Spuren baulicher Veränderungen im Mauerwerk ein, indem er Vermauertes öffnen und Abgetragenes wieder aufbauen ließ. Im Inneren der Kirche wich er zumindest bei der Ausgestaltung von Decke, Altarraum und Kuppeln vom Vorhandenen ab, denn die romanisch wirkende Bemalung, die man heute sieht, hat nichts mit der Originalsubstanz zu tun.

Quast holte die Vergangenheit der Kirche in die Neuzeit, doch heute würden Bauhistoriker nicht mehr so arbeiten. Es ist viel zu viel (wieder) intakt, zu glatt repariert und zu übermalt. Etwas in der Kirche lässt aber doch den Atem stocken, nicht nur wegen seiner offensichtlichen Altehrwürdigkeit, sondern auch wegen seiner Einmaligkeit.

Im Kirchenhauptraum befindet sich vorn rechts neben dem östlichen Altarraum ein, ein wenig verstecktes Gebäude. Tritt man näher heran, erkennt man einen reich verzierten Schrein. Auf seiner Westwand schreiten Löwen, Adler, Menschen, Fabelwesen durch Weinlaub und Ranken und umringen Maria Magdalena. Jesus und noch einmal Maria Magdalena sind auf der Nordwand dargestellt. Sie künden an, was sich in diesem Schrein befindet. Das Grab desjenigen, der sich für die Menschen opferte, auferstand und ihnen bis heute Erlösung verheißt.

Über 3000 Kilometer von der Grabeskirche in Jerusalem entfernt, befindet sich hier der älteste Nachbau des Heiligen Grabes nördlich der Alpen. Wohl um das Jahr 1100 errichtet, enthält es zwei Kammern. Die Vorkammer, die man von Osten her durch ein Portal betreten konnte, ist heute leer. In der Hauptkammer befindet sich auf der linken Seite ein Arkosolium, eine bogenförmige Nische, die heute leer ist. Gegenüber dem Eingang steht die Figur eines Bischofs, die als Christus in der Rolle des guten Hirten interpretiert wird. An der rechten Wand befindet sich ein Sockel, der nach Auffassung der Wissenschaftler den Sarkophag als XXX des Grabes Jesu trug. Immer noch wird der Sockel von zwei Engeln flankiert von denen der vordere ein Spruchband in der Hand hält, das von der Auferstehung Jesu kündigt. Auf dem Sockel steht heute eine Frauengruppe, die wohl die drei Marien darstellt.

Die meisten Figuren befinden sich heute nicht mehr an ihren ursprünglichen Plätzen, nur die Positionen des Grabessockels und der Engel, die ihn flankieren, sind unverändert.

Bei der Restaurierung des Schreines des Heiligen Grabes ging Quast mit äußerster Behutsamkeit vor. Die fast tausendjährigen Reliefs die den Schrein außen schmücken sowie die die Figuren in der Grabkammer sind nämlich nicht aus Stein gehauen, sondern in Stuck auf einen steinernen Untergrund modelliert. So mancher Hand fehlt ein Finger, so manchem Gewand ein Stück des Saums oder sogar ganze Falten. An der Nordwand sind zwei Figuren komplett abgetragen worden, nur die Umrisse sind noch zu erkennen.

Sowohl an den empfindlichen Reliefs, die die Außenwände des Schreines verzieren als auch im Inneren des Grabes zeigen Spuren von Bemalung in welch kräftigen Farben das Grab ursprünglich strahlte.

Es ist erstaunlich, wie ähnlich das Heilige Grab in Gernrode dem Heiligen Grab in der Jerusalemer Grabeskirche ist. Beide Gräber zeigen eine Unterteilung in Vorraum und eine dahinterliegende Grabkammer. In beiden Gräbern betritt man den Vorraum durch eine Tür in der Ostseite. In Gernrode ist dieser Osteingang heute zugemauert, und stattdessen wurde eine Tür in die Nordwand der Vorkammer gebrochen. In beiden Gräbern befindet sich auch der Eingang in die Grabkammer auf der Ostseite. In beiden Gräbern ist das Grab Jesu an der Nordwand der Grabkammer. Beide Gräber zeigen dort, wo Jesus einst lag eine erhöhte Steinplatte. In Gernrode mag es sein, dass sich darauf ein Sarkophag oder eine Art Bank befunden hat …

Zufall? Eher nicht. Bei Ausgrabungen in der Vorkammer des Heiligen Grabes in Gernrode entdeckte man an dessen Südseite eine Frauenbestattung. Grabbeigaben fehlten fast gänzlich, doch ihr mitgegeben war ein kleines Pilgerkreuz aus Karneol, das als Vorläufer des Jerusalemkreuzes interpretiert werden kann, also des Kreuzestypes, der im Heiligen Land zur Zeit der Kreuzzüge entstand und von dort von Pilgern mit zurück in die Heimat genommen wurde. Die Bestattete war demnach auf einer Pilgerreise in Palästina gewesen und hatte dort die heiligen Orte der Christenheit besucht. Sie könnte es gewesen sein, die den Erbauern des Heiligen Grabes in Gernrode berichtet hatte, wie das Jerusalemer Grab aussah. Vielleicht war sie eine Nonne des Stiftes oder eines der adeligen Mädchen, die dort unterrichtet wurden? Das werden wir wahrscheinlich nie genau wissen, jedoch den Beitrag zur Errichtung des Heiligen Grabes von Gernrode gestehen wir ihr gern zu.

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Das Steinerne Haus in Erfurt

Inmitten des Bürokomplexes der Erfurt Tourismus und Marketing GmbH am Benediktsplatz 1 verbirgt sich ein Schatz aus dem Mittelalter. Umgeben von modernen Büros mit Glas, Chrom und flirrenden Computerbildschirmen befindet sich ein Haus, das wundersamerweise die Umbauten der letzten siebeneinhalb Jahrhunderte fast unverändert überdauert hat; das “Steinerne Haus”.

Von außen betrachtet datiert das spitzbogige Eingangsportal in der Westfassade des Hauses in die Gotik und auch die buckelige Strukturen unter dem Verputz lassen erahnen, dass Fenster zugemauert oder verkleinert wurden. Doch drinnen, im Raum des Obergeschosses haben sich wie durch eine Wunder viele Gestaltungselemente des 13. Jahrhunderts bewahrt. Unzählige Putzschichten und eine abgehängte Decke trugen dazu bei, dass das, was unmodern geworden war, nicht zerstört wurde. Nachdem man begann den Raum von den Veränderungen der letzen Jahrhunderte zu befreien, kam in der Nordwand eine sorgfältig ausgearbeitete spitzbogige Lichtnische mit Rauchabzug zum Vorschein. Das Fenster in der Westwand, das von außen so einfach aussieht, war in Wirklichkeit eine schmale Tür, die einst auf einen von Kragsteinen getragenen Erker führte. Die Holzdecke zeigt ihre originale Bemalung in ocker, schwarz, grün, rot und gelb. Die Farben sind zwar nicht mehr so frisch wie vor 750 Jahren, aber noch klar und deutlich zu erkennen. Auf den Balken prangen Blüten, Ranken und geometrische Muster, und die darüberliegenden Bretter zieren Radmotive. Sogar die originalen Eisennägel die vielleicht zur Aufhängung von Öllampen benutzt wurden, stecken noch im Holz!

Dentrochronologische Untersuchungen am Holz der Decke führten zu einer Datierung der Balken auf die Jahre 1241/42. Somit wurde das Steinerne Haus in der Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut. Schon ab dem Ende des 13. Jahrhunderts ging es in jüdischem Besitz über und zwar in den des Salemon von Ascaphenborc. Allerdings ist unklar, wie das Haus und der Raum im Obergeschoß genutzt wurde. Die reiche Ausschmückung lässt an einen Wohnraum, eine Kemenate, denken, doch es gibt auch jene, die vermuten, dass der Raum als Gebetsraum genutzt wurde. Vielleicht werden zukünftige Untersuchungen Klarheit in dieser Frage bringen. Doch in der Zwischenzeit bleibt uns ein beeindruckendes Beispiel fast unberührter gotischer Profanarchitektur.

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Graffiti – Sms aus der Vergangenheit

Schon in Israel und Palästina habe ich mich auf Graffiti gestürzt wie der Löwe aufs Lamm. Und auch hier in Deutschland gerate ich aus dem Häuschen, wenn ich alltägliche Kurzbotschaften aus der Vergangenheit entdecke.

Gekritzel, das erst gestern an eine Wand gesetzt wurde, interessiert mich weniger, es sein denn, X erklärt darin ganz genau, warum er Y liebt, oder Z lässt die Nachwelt wissen, woher er kommt und wohin er geht. Jahrhunderte später gibt es nämlich nichts Berührenderes als uralte Nachrichten mitten aus dem wahren Leben zu finden. Und finden kann man sie deshalb, weil Menschen schon vor langer Zeit auf die Idee kamen, Wände als Projektionsflächen ihrer ganz alltäglichen Wünsche, Hoffnungen, Sorgen und Nöte zu benutzen. Wenn man bedenkt, dass Vieles, was wir von der Vergangenheit wissen, aus Chroniken stammt, deren Verfasser erst dann munter wurden, wenn politische Großereignisse sie wachrüttelten, sind die unbedachten Schmierereien zwischen den Zeilen umso ergreifender.

Sie mögen sich fragen, wie man wirklich alte Graffiti von ziemlich neuen unterscheiden kann. Oft wurden Graffiti mit Kohle oder Rötel (roter Kreide) geschrieben, Schreibmittel, die schon seit geraumer Zeit niemand mehr benutzt. Und auch die altertümlichen Schriften, in denen Buchstaben und Zahlen geschrieben wurden, beherrscht heute kaum noch jemand. Außerdem entwickeln Graffiti, besonders wenn sie in Putz oder Stein geritzt sind, eine Patina, die im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte immer unnachahmlicher wird.

Graffiti begegnet uns auf Schritt und Tritt, manchmal an eher versteckten Orten und manchmal ganz offensichtlich. Manchmal mit so vergänglichen Mitteln wie Kreide oder Kohle auf die Wände aufgebracht, manchmal in den alten Putz geritzt oder mühselig in harten Stein gegraben. Und wer einmal begonnen hat, Graffiti wahrzunehmen, wird schnell feststellen, dass die Nachrichten aus der Vergangenheit nicht mehr abreißen.

Die Gutleutekapelle in Mosbach ist ein Schatz. Natürlich wegen ihrer wunderbaren Wandmalereien, aber für mich besonders wegen den Pilgerzeichen an den Wänden des Langhauses. Sie zeugen von der tiefen Verwurzelung der Religion im alltäglichen Leben. Es waren zwar die Besuche der Gottesdienste, in denen sich die Zugehörigkeit der Menschen zum Christentum ausdrückte, doch die Manifestierung ihres ganz persönlichen Glaubens sind ohne Zweifel die Pilgerzeichen, die sie an den Wänden der Kapelle hinterließen. Darunter befinden sich Jakobsmuscheln und Aachhörner, aus Ton gefertigte gebogene oder gewundene Hörner, die man auf Wallfahrten spielte. Gebogene Aachhörner tauchen erstmals in romanischer Zeit auf und wurden bis ins 18. Jahrhundert verwendet. Gewundene Aachhörner gibt es wohl seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, und besonders im 15. und 16. Jahrhundert waren diese Form des Aachhorns weit verbreitet. Die Aachhörner, die an die Wände der Gutleutekapelle gezeichnet wurden, sind gewunden und datieren somit nach 1400.

Im gotischen Haus in Burgheßler könnte man sie fast übersehen. Das Adelshaus mit seiner originalen Bausubstanz aus dem frühen 16. Jahrhundert ist so beeindruckend, dass man nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll. Doch tritt man nah genug an die gotischen Fensternischen heran, sieht man im alten Putz die Spuren derer, die sich im Laufe der Jahrhunderte auf den Fensterbänken (genau von diesen mittelalterlichen Sitzbänken in Fensternischen stammt der heutige Begriff Fensterbank) niedergelassen haben. In den Putz eingeritzt finden sich neben Jahreszahlen und Initialen auch mehrere Sprüche, die allerdings halb unter einer moderneren Putzschicht verborgen liegen oder von Spitzhackenschlägen zerstört wurden, die man auf dem alten Untergrund anbrachte, damit die neue Putzschicht besser haftet. Einige wenige Graffiti wurden in Rötel an die Wände gemalt. Und dazwischen immer wieder seltsame Zeichen, die einem asiatischen Manji (einem links gedrehten Hakenkreuz, dem buddhistischen Zeichen für glückbringende Göttlichkeit) ähneln.

An den Außenmauern der Marienkirche in Freyburg an der Unstrut hatten es die Menschen schwerer ihre Botschaften anzubringen. Sie mussten nämlich die Grafitti in den harten Kalkstein ritzen. In der Nähe des Südportales finden sich Wappen, Initialen und auch jede Menge undeutbare Zeichen, die ein wenig wie Steinmetzzeichen aussehen.

Auf der Wildenburg muss man den Kopf in den Nacken legen und wissen, wonach man sucht. Im Palas der Burg befindet sich an der Südostwand links neben dem Fenster des Erdgeschosses eine Inschrift, die da lautet: „OWE MUTER“. So lautet auch die Einleitung zur Frage „Was ist Gott?“, die der junge Parzival seiner Mutter Herzeloide in der Parzival-Erzählung stellt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Wolfram von Eschenbach, der Verfasser der Parzival-Erzählung, die Wildenberg kannte. Seine Gralsburg nennt er Monsalvaesche – Wilde Berg und darüber hinaus benutzt er die Wildenberg als Maßstab für die Pracht der Gralsburg. Die Inschrift stammt aus dem Mittelalter und könnte von einem Kenner des Parzival-Werkes stammen, der so in der Burg an die Verbindung zwischen Inspiration und Epos erinnert.

In der Mikwe von Speyer findet sich zumindest ein Graffito, das schon recht alt aussieht. Als im 16. Jahrhundert die Stadt das ehemalige Jüdische Viertel übernahm, wurden sowohl die Synagoge als auch die Mikwe als Waffen- beziehungsweise Munitionslager genutzt. Der Badeschacht der Mikwe wurde verfüllt und im oberen Treppenaufgang wurde Pulver gelagert. Wie lang nach der Verfüllung das Graffito angebracht wurde ist unklar, aber nach Schrifttyp und Patina zu urteilen vor mehr als hundert Jahren. Zu sehen ist ein geteiltes Herz recht die Initiale H und links vielleicht ein I. Auch über dem Herz befinden sich Initialen, MSK, und unleserliche Zeichen.

Im Obergeschoß der Doppelkapelle des Schlosses Neuenburg in Freyburg an der Unstrut liegt das Graffito unter einer schützenden Plexiglasplatte, denn schließlich datiert der mit Rötelstift geschriebene Text aus dem beginnenden 16. Jahrhundert und wurde direkt auf die originale erste Putzschicht der Kapellenwand aufgetragen. Ausnahmsweise ist der Text vollständig entschlüsselt.

Auf der linken Seite steht in Latein und Deutsch: „In den Himmel aufgenommene selige Maria. Verehrte Elisabeth. Hilf heilige Anna Selbtritt.“ und rechts: „Heilige Katharina bete für uns.“ Die Vermutung liegt nahe, dass ein Geistlicher diese Sätze an die Wand geschrieben hat. Was man nicht weiß ist, ob es ein Hilferuf nach Beistand in einer persönlichen Notlage war oder ein Gebet zum Schutz vor den Bauernscharen, die im Jahr des Bauernaufstandes 1525 Kirchen, Klöster und besonders Adelssitze, wie eben auch Schloss Neuenburg, zu brandschatzen versuchten.

Die Graffiti am Speyrer Dom muss man ein wenig suchen. Sie befinden sich nämlich nicht an der Westseite des Domes, dort, wo die Maximilianstraße auf den Dom trifft, sondern am Ostteil des Domes, der den Altarraum umschließt. Genau da befindet sich auch das älteste Mauerwerk des Kirchenbaus. Der Westteil des Domes dagegen wurde erst Mitte des 18. Jahrhunderts nach den verheerenden Zerstörungen des Pfälzischen Erbfolgekrieges wieder aufgebaut. Es gibt Steinmetzzeichen, Jahreszahlen, Initialen, ein Pentagram, ein manjiähnliches Symbol (wie sie im gotischen Haus in Burgheßler vorkommen), ein Kreuz … Die meisten Graffiti sind in den Sandstein geritzt, doch ein Graffito ist mit Rötel an die Wand gemalt. Ein Wappen mit Kreuz und Stern und rechts daneben ein Aachhorn, wie es auch mehrmals in der Gutleutkapelle in Mosbach zu finden ist.

Im Dom dagegen findet man fast keine alten Graffiti, außer die Darstellung einer tanzenden Frau rechts an der Wand des Treppenabganges zur Krypta. In der Krypta dagegen ist der Putz übersäht mit modernen Graffiti die ab den 1960er Jahren in die Wände geritzt wurden. Ein wahrer Schneeballeffekt, wenn man sich die Wände heute anschaut.

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Helmzier zwischen Orient und Okzident

Was wäre der Ritter ohne seine Rüstung?! Geharnischt und behelmt zog er in die Schlacht, ins Turnier und vor die schönen Damen. Und war er gestorben, wurde ihm ein Helm ins Grab gelegt. Besonders beim Turnier und im Tode wurde herausgeputzt, was das Zeug hielt. Die Rüstung bot zwar viel mehr Fläche zum Dekorieren, doch ausgerechnet der kleine Helm war der Ort des gewagtesten Schmuckes, der Helmzier. Bei Turnieren trugen die Ritter besonders aufwendigen Kopfputz auf ihren Helmen und auch auf dem Grabstein wurde über dem Wappen des Verstorbenen der üppig dekorierte Helm als Teil des Oberwappens abgebildet.

Die Turniere bei denen geschmückte Helme zur Schau gestellt wurden, sind längst Vergangenheit, doch jeder, der sich ein wenig fürs Mittelalter interessiert, hat schon einmal solche Helme, eingemeiselt auf Grabplatten in Kirchen, Schlössern und Burgen, gesehen. Der Helmschmuck, der uns dabei wahrscheinlich am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist, sind Zweige, Hörner, Federn oder Flügel. Diese Motive aus Wald und Flur bildeten die ersten Helmzierden und kamen wohl Anfang des 13. Jahrhunderts auf. Was wir allerdings weniger in Erinnerung haben, da wir sie seltener zu Gesicht bekommen, sind all die anderen Dinge, die auch auf einen Ritterhelm passen. Mit der Zeit nämlich wurden die Aufsätze, die die Helme schmückten, immer abenteuerlicher.

Bekanntschaft mit außergewöhnlicher Helmzier habe ich nicht hier am Geburtsort des Rittertums gemacht, sondern an einem eher untypischen Ort, der Geburtskirche in Bethlehem. Dort befinden sich an den Säulen des Hauptschiffes der Kirche mittelalterliche Graffiti, die die unterschiedlichsten Helme europäischer Adeliger mit den waghalsigsten Helmzierden zeigen. Doch zuerst eine klitzekleine Helmkunde, damit die dargestellten Helme auf Gräbern, Möbeln und Gemälden, an Burg- und Kirchenwänden zeitlich besser einzuordnen sind.

Im Mittelalter entwickelten sich ab dem frühen 13. Jahrhundert aus der Hirn- oder Beckenhaube zunächst der zylindrische und oben flache Topfhelm. Schon Ende des 14. Jahrhunderts wurde er vom oben abgerundeten Kübelhelm abgelöst. Danach kam der Stechhelm in Mode, der mit seinem dünnen Sehschlitz über dem vorgeschobenen Untergesichtsschutz aussieht wie ein stilisierter Krötenkopf. Anfang des 16. Jahrhunderts entwickelte sich unabhängig von Topf- oder Stechhelm aus dem Eisenhut (tatsächlich ein komplett aus Eisen gefertigter Hut mitsamt Krempe) die geschlossene Sturmhaube.

Die Graffiti der Geburtskirche zeigen Topf- und Stechhelme sowie Sturmhauben und datieren dementsprechend vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Die Topfhelme sind bekrönt von Reiher, Schwan oder Mohrenköpfen. Ein Helm gar wird von einem Wolfsrachen fast verschlungen. Auf den Sturmhauben prangen Drachen und die schon bekannten Büffelhörner, und ein Stechhelm trägt … Eselsohren.

Mit ihren überdrehten Aufsätzen wirken die Helme eher wie aus einem Fantasiefilm als aus dem Mittelalter, doch wirft man einen Blick in die Große Heidelberger Liederhandschrift, die zwischen 1300 und 1340 verfasst wurde, sieht man, dass die Helmzier tatsächlich ausufern konnte. Ein oder zwei Drachenklauen, stehende Fische, ein Glockenturm mit Wetterhahn und ein Käfig mitsamt Vogel bilden die Helmaufsätze der Sänger, deren Lieder in der Handschrift aufgezeichnet sind.

Ich versuche garnicht erst, die Helme, die mir sowohl im Heiligen Land als auch in Deutschland aufgefallen sind, Adelsgeschlechtern zuzuordnen. Dafür fehlt mir ganz einfach das Wissen. Doch an den Säulen der Geburtskirche in Bethlehem Symbole des europäischen Rittertums zu entdecken, die mir immer und immer vertrauter werden, je genauer ich in deutschen Städten, Kirchen und Burgen hinschaue, lässt die Weiten der Welt für mich ein wenig zusammenrücken.

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Ein Graf und zwei Frauen

Es war einmal ein Graf … So oder so ähnlich beginnt die Sage vom Grafen von Gleichen. Sie ist fester Bestandteil des Thüringer Sagenschatzes, aber erzählt wird nicht die übliche Geschichte von unerfüllter, geheimer oder tapferer Liebe, sondern recht glaubwürdig, wie ein Thüringer Adeliger mit Erlaubnis der katholischen Kirche in Polygamie lebte.

Kurz zusammengefasst lautet die Sage folgendermaßen: Graf Ernst von Gleichen brach zum Kreuzzug ins Heilige Land auf, und wurde dort gefangengenommen. In den Gärten des Sultans musste er fortan hart arbeiten, und dort fiel er der Sultanstochter Melechsala auf, die sich ob seiner edlen Gestalt in ihn verliebte. Sie bot dem Grafen an, ihm zur Flucht zu verhelfen, wenn er sie dafür ehelichen würde. Da der Graf schon verheiratet war, sträubte er sich gegen diesen Vorschlag, willigte jedoch ein, als Melechsala ihm vor Augen hielt, das dies die einzige Möglichkeit wäre, seine Familie wiederzusehen. Auf dem Weg nach Europa erwirkte der Graf in Rom die päpstliche Erlaubnis zur zweiten Ehe. Mit seiner neuen Ehefrau traf er schließlich nach langer Reise an der Burg Gleichen, dem Stammsitz des Adelsgeschlechtes, ein. Die Sultanstochter im Tal unter der Burg zurücklassend ritt er allein hinauf, um seiner Ehefrau gegenüberzutreten und ihr zu erklären, unter welchen Umständen es ihm möglich geworden war zurückzukehren. Glücklich darüber, ihren Mann heil an Leib und Seele wiederzubekommen, willigte seine Gemahlin in die Zweitehe ein und ritt mit dem Grafen ins Tal. Dort fielen sich die zwei Frauen in die Arme und lebten fortan in Harmonie und Freude.

Wahr oder nicht wahr? Fakt ist, dass im Erfurter Dom der Grabstein eines Grafen von Gleichen aufgestellt ist, der von zwei Frauen flankiert ist. Beide Frauen tragen einen Schleier, im Mittelalter ein deutliches Zeichen, dass sie verheiratet waren. Die Rechte der beiden trägt eine Krone und prächtige Kleidung, steht also deutlich ranghöher als die Linke, deren Haube und Gewänder etwas schlichter sind.

Doch welcher Graf von Gleichen liegt hier eigentlich? Manche sprechen von Erwin II., andere von seinen Söhnen Ernst III. oder Lambert II. oder gar dem Enkel Ernst IV.

Geht es nach der Sage, dann müsste es Graf Ernst III. sein, den nur er war alt genug, um an einem Kreuzzug teilzunehmen, bei dem die Kreuzfahrer relativ kurze Zeit nach Kreuzzugsbeginn durch ein Heer des Sultans vernichtend geschlagen wurden (der fünfte Kreuzzug 1217-1229). Und nur er lebte lange genug um nach einer Befreiung nach Hause zurückkehren zu können und dort ein langes Leben zu führen.

Doch die Sage entstand erst im 15./16. Jahrhundert, eben weil es unerklärlich war, dass ein Grabstein zwei Ehefrauen, aber nur einen Ehemann zeigt.

Die Moderne sieht das Ganze nüchterner, und nimmt an, dass der Grabstein zu Lambert II. gehört, und die Damen neben ihm seine erste und seine zweite Frau darstellen. Wohlgemerkt, die zweite (Sophie von Weimar-Orlamünde) hatte er erst nach dem Ableben der ersten (einer gewissen Ottilia) geehelicht. Wenn es denn so war, bleibt rätselhaft, warum der Graf beiden Frauen Platz auf seinem Grabstein zugestand.

Andere wiederum behaupten, dass die Grabplatte für Graf Erwin II. und seine Frau Adelheid von Orlamünde sowie ein nicht genauer zu identifizierendes Familienmitglied angefertigt worden sei. Doch wie soetwas üblicherweise aussieht kann man in der benachbarten Severikirche sehen. Dort sind auf der Grabplatte des Heiligen Severus der Heilige mit seiner Frau und der Tochter Innocentia abgebildet. Der entscheidende Unterschied, Severus Tochter ist eindeutig als unverheiratete Frau in der Obhut ihrer Familie dargestellt. Ihre Haare sind offen und fallen weit über die Schultern herab und anstelle eines Schleiers trägt sie ein Blumenband auf dem Haupt.

Etwas Licht ins Dunkel könnten wissenschaftliche Untersuchungen bringen. In den 1860er Jahren wurden von den drei Schädeln Gipsabdrücke gemacht, doppelt sogar, ein Satz für das Königlich Bayrische Nationalmuseum in München und einer für den Erfurter Geschichtsverein. Doch heute sind die Gipsabgüsse verschollen. In den Verzeichnissen der möglichen Museen tauchen sie nicht auf, und es könnte durchaus sein, das ein gar Geschichtsbeflissener sie seiner Privatsammlung einverleibt hat. Da Gegenstände an Wert verlieren, wenn ihre Geschichte vergessen wird, kann es sein, dass sie unerkannt in einer Abstellkammer verstauben.

Die Knochen des gräflichen Trios sind heute wieder zur Ruhe gebettet und somit jeder Untersuchung entzogen. Ein DNA-Test könnte zumindest zeigen, ob und in welchen Verwandtschaftsverhältnissen die Drei zueinander standen.

Und so bleibt uns heute nur die Phantasie. Sei es nun eine schöne Sultanstochter die einem gutaussehenden Adeligen die Ehe antrug oder ein romantischer Graf, der seine erste Liebe nie vergaß, warm ums Herz kann es einem dabei allemal werden.

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Architektur Mittelalter Sachsen-Anhalt

Das gotische Haus in Burgheßler

Im Dorf Burgheßler ca. 20 Kilometer südwestlich von Freyburg an der Unstrut verbirgt sich ein ganz besonderes Kleinod. Zumindest für all diejenigen, die gern in die Vergangenheit eintauchen. Jetzt denken Sie vielleicht, so oder so ähnlich kann man das doch in jeder Burg. Das mag schon sein, aber hier, an diesem ganz speziellen Ort, gehen Sie mit Haut und Haaren in den Wellen längst vergangener Zeiten unter.

Schon allein die Anfahrt stimmt Sie darauf ein. Ab Freyburg werden die Straßen immer schmaler. Die Dörfer liegen weiter auseinander und die Landschaft schiebt sich noch ein wenig näher an die Straßen heran. In Burgheßler geht es auf der einsamen Hauptstraße entlang, eine Kurve nach rechts, über den Hasselbach und dann ist man in einem verwunschenen Tal. Die meisten Häuser dort sind aus dem 18. Jahrhundert, und das sieht man ihnen auch an. Der ausgedehnte Gutshof aus dem Jahre 1692 mit seinem Krüppelwalmdach und dem behäbigen Stein- und Ziegelmauerwerk wird gerade renoviert. Eine Scheune weiter südlich muss aus derselben Zeit stammen. Die dicken Mauern sind ganz aus einem Lehm-Stroh-Gemisch gebaut, so wie ein Töpfer ein großes Gefäß machen würde, Tonschicht für Tonschicht. Bis heute kann man das Streifenmuster der Lehmlagen deutlich an der Fassade erkennen.