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Geschichte Mittelalter

Graffiti – Sms aus der Vergangenheit

Schon in Israel und Palästina habe ich mich auf Graffiti gestürzt wie der Löwe aufs Lamm. Und auch hier in Deutschland gerate ich aus dem Häuschen, wenn ich alltägliche Kurzbotschaften aus der Vergangenheit entdecke.

Gekritzel, das erst gestern an eine Wand gesetzt wurde, interessiert mich weniger, es sein denn, X erklärt darin ganz genau, warum er Y liebt, oder Z lässt die Nachwelt wissen, woher er kommt und wohin er geht. Jahrhunderte später gibt es nämlich nichts Berührenderes als uralte Nachrichten mitten aus dem wahren Leben zu finden. Und finden kann man sie deshalb, weil Menschen schon vor langer Zeit auf die Idee kamen, Wände als Projektionsflächen ihrer ganz alltäglichen Wünsche, Hoffnungen, Sorgen und Nöte zu benutzen. Wenn man bedenkt, dass Vieles, was wir von der Vergangenheit wissen, aus Chroniken stammt, deren Verfasser erst dann munter wurden, wenn politische Großereignisse sie wachrüttelten, sind die unbedachten Schmierereien zwischen den Zeilen umso ergreifender.

Sie mögen sich fragen, wie man wirklich alte Graffiti von ziemlich neuen unterscheiden kann. Oft wurden Graffiti mit Kohle oder Rötel (roter Kreide) geschrieben, Schreibmittel, die schon seit geraumer Zeit niemand mehr benutzt. Und auch die altertümlichen Schriften, in denen Buchstaben und Zahlen geschrieben wurden, beherrscht heute kaum noch jemand. Außerdem entwickeln Graffiti, besonders wenn sie in Putz oder Stein geritzt sind, eine Patina, die im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte immer unnachahmlicher wird.

Graffiti begegnet uns auf Schritt und Tritt, manchmal an eher versteckten Orten und manchmal ganz offensichtlich. Manchmal mit so vergänglichen Mitteln wie Kreide oder Kohle auf die Wände aufgebracht, manchmal in den alten Putz geritzt oder mühselig in harten Stein gegraben. Und wer einmal begonnen hat, Graffiti wahrzunehmen, wird schnell feststellen, dass die Nachrichten aus der Vergangenheit nicht mehr abreißen.

Die Gutleutekapelle in Mosbach ist ein Schatz. Natürlich wegen ihrer wunderbaren Wandmalereien, aber für mich besonders wegen den Pilgerzeichen an den Wänden des Langhauses. Sie zeugen von der tiefen Verwurzelung der Religion im alltäglichen Leben. Es waren zwar die Besuche der Gottesdienste, in denen sich die Zugehörigkeit der Menschen zum Christentum ausdrückte, doch die Manifestierung ihres ganz persönlichen Glaubens sind ohne Zweifel die Pilgerzeichen, die sie an den Wänden der Kapelle hinterließen. Darunter befinden sich Jakobsmuscheln und Aachhörner, aus Ton gefertigte gebogene oder gewundene Hörner, die man auf Wallfahrten spielte. Gebogene Aachhörner tauchen erstmals in romanischer Zeit auf und wurden bis ins 18. Jahrhundert verwendet. Gewundene Aachhörner gibt es wohl seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, und besonders im 15. und 16. Jahrhundert waren diese Form des Aachhorns weit verbreitet. Die Aachhörner, die an die Wände der Gutleutekapelle gezeichnet wurden, sind gewunden und datieren somit nach 1400.

Im gotischen Haus in Burgheßler könnte man sie fast übersehen. Das Adelshaus mit seiner originalen Bausubstanz aus dem frühen 16. Jahrhundert ist so beeindruckend, dass man nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll. Doch tritt man nah genug an die gotischen Fensternischen heran, sieht man im alten Putz die Spuren derer, die sich im Laufe der Jahrhunderte auf den Fensterbänken (genau von diesen mittelalterlichen Sitzbänken in Fensternischen stammt der heutige Begriff Fensterbank) niedergelassen haben. In den Putz eingeritzt finden sich neben Jahreszahlen und Initialen auch mehrere Sprüche, die allerdings halb unter einer moderneren Putzschicht verborgen liegen oder von Spitzhackenschlägen zerstört wurden, die man auf dem alten Untergrund anbrachte, damit die neue Putzschicht besser haftet. Einige wenige Graffiti wurden in Rötel an die Wände gemalt. Und dazwischen immer wieder seltsame Zeichen, die einem asiatischen Manji (einem links gedrehten Hakenkreuz, dem buddhistischen Zeichen für glückbringende Göttlichkeit) ähneln.

An den Außenmauern der Marienkirche in Freyburg an der Unstrut hatten es die Menschen schwerer ihre Botschaften anzubringen. Sie mussten nämlich die Grafitti in den harten Kalkstein ritzen. In der Nähe des Südportales finden sich Wappen, Initialen und auch jede Menge undeutbare Zeichen, die ein wenig wie Steinmetzzeichen aussehen.

Auf der Wildenburg muss man den Kopf in den Nacken legen und wissen, wonach man sucht. Im Palas der Burg befindet sich an der Südostwand links neben dem Fenster des Erdgeschosses eine Inschrift, die da lautet: „OWE MUTER“. So lautet auch die Einleitung zur Frage „Was ist Gott?“, die der junge Parzival seiner Mutter Herzeloide in der Parzival-Erzählung stellt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Wolfram von Eschenbach, der Verfasser der Parzival-Erzählung, die Wildenberg kannte. Seine Gralsburg nennt er Monsalvaesche – Wilde Berg und darüber hinaus benutzt er die Wildenberg als Maßstab für die Pracht der Gralsburg. Die Inschrift stammt aus dem Mittelalter und könnte von einem Kenner des Parzival-Werkes stammen, der so in der Burg an die Verbindung zwischen Inspiration und Epos erinnert.

In der Mikwe von Speyer findet sich zumindest ein Graffito, das schon recht alt aussieht. Als im 16. Jahrhundert die Stadt das ehemalige Jüdische Viertel übernahm, wurden sowohl die Synagoge als auch die Mikwe als Waffen- beziehungsweise Munitionslager genutzt. Der Badeschacht der Mikwe wurde verfüllt und im oberen Treppenaufgang wurde Pulver gelagert. Wie lang nach der Verfüllung das Graffito angebracht wurde ist unklar, aber nach Schrifttyp und Patina zu urteilen vor mehr als hundert Jahren. Zu sehen ist ein geteiltes Herz recht die Initiale H und links vielleicht ein I. Auch über dem Herz befinden sich Initialen, MSK, und unleserliche Zeichen.

Im Obergeschoß der Doppelkapelle des Schlosses Neuenburg in Freyburg an der Unstrut liegt das Graffito unter einer schützenden Plexiglasplatte, denn schließlich datiert der mit Rötelstift geschriebene Text aus dem beginnenden 16. Jahrhundert und wurde direkt auf die originale erste Putzschicht der Kapellenwand aufgetragen. Ausnahmsweise ist der Text vollständig entschlüsselt.

Auf der linken Seite steht in Latein und Deutsch: „In den Himmel aufgenommene selige Maria. Verehrte Elisabeth. Hilf heilige Anna Selbtritt.“ und rechts: „Heilige Katharina bete für uns.“ Die Vermutung liegt nahe, dass ein Geistlicher diese Sätze an die Wand geschrieben hat. Was man nicht weiß ist, ob es ein Hilferuf nach Beistand in einer persönlichen Notlage war oder ein Gebet zum Schutz vor den Bauernscharen, die im Jahr des Bauernaufstandes 1525 Kirchen, Klöster und besonders Adelssitze, wie eben auch Schloss Neuenburg, zu brandschatzen versuchten.

Die Graffiti am Speyrer Dom muss man ein wenig suchen. Sie befinden sich nämlich nicht an der Westseite des Domes, dort, wo die Maximilianstraße auf den Dom trifft, sondern am Ostteil des Domes, der den Altarraum umschließt. Genau da befindet sich auch das älteste Mauerwerk des Kirchenbaus. Der Westteil des Domes dagegen wurde erst Mitte des 18. Jahrhunderts nach den verheerenden Zerstörungen des Pfälzischen Erbfolgekrieges wieder aufgebaut. Es gibt Steinmetzzeichen, Jahreszahlen, Initialen, ein Pentagram, ein manjiähnliches Symbol (wie sie im gotischen Haus in Burgheßler vorkommen), ein Kreuz … Die meisten Graffiti sind in den Sandstein geritzt, doch ein Graffito ist mit Rötel an die Wand gemalt. Ein Wappen mit Kreuz und Stern und rechts daneben ein Aachhorn, wie es auch mehrmals in der Gutleutkapelle in Mosbach zu finden ist.

Im Dom dagegen findet man fast keine alten Graffiti, außer die Darstellung einer tanzenden Frau rechts an der Wand des Treppenabganges zur Krypta. In der Krypta dagegen ist der Putz übersäht mit modernen Graffiti die ab den 1960er Jahren in die Wände geritzt wurden. Ein wahrer Schneeballeffekt, wenn man sich die Wände heute anschaut.

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Heiliges Land in Deutschland Kreuzzüge Mittelalter

Helmzier zwischen Orient und Okzident

Was wäre der Ritter ohne seine Rüstung?! Geharnischt und behelmt zog er in die Schlacht, ins Turnier und vor die schönen Damen. Und war er gestorben, wurde ihm ein Helm ins Grab gelegt. Besonders beim Turnier und im Tode wurde herausgeputzt, was das Zeug hielt. Die Rüstung bot zwar viel mehr Fläche zum Dekorieren, doch ausgerechnet der kleine Helm war der Ort des gewagtesten Schmuckes, der Helmzier. Bei Turnieren trugen die Ritter besonders aufwendigen Kopfputz auf ihren Helmen und auch auf dem Grabstein wurde über dem Wappen des Verstorbenen der üppig dekorierte Helm als Teil des Oberwappens abgebildet.

Die Turniere bei denen geschmückte Helme zur Schau gestellt wurden, sind längst Vergangenheit, doch jeder, der sich ein wenig fürs Mittelalter interessiert, hat schon einmal solche Helme, eingemeiselt auf Grabplatten in Kirchen, Schlössern und Burgen, gesehen. Der Helmschmuck, der uns dabei wahrscheinlich am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist, sind Zweige, Hörner, Federn oder Flügel. Diese Motive aus Wald und Flur bildeten die ersten Helmzierden und kamen wohl Anfang des 13. Jahrhunderts auf. Was wir allerdings weniger in Erinnerung haben, da wir sie seltener zu Gesicht bekommen, sind all die anderen Dinge, die auch auf einen Ritterhelm passen. Mit der Zeit nämlich wurden die Aufsätze, die die Helme schmückten, immer abenteuerlicher.

Bekanntschaft mit außergewöhnlicher Helmzier habe ich nicht hier am Geburtsort des Rittertums gemacht, sondern an einem eher untypischen Ort, der Geburtskirche in Bethlehem. Dort befinden sich an den Säulen des Hauptschiffes der Kirche mittelalterliche Graffiti, die die unterschiedlichsten Helme europäischer Adeliger mit den waghalsigsten Helmzierden zeigen. Doch zuerst eine klitzekleine Helmkunde, damit die dargestellten Helme auf Gräbern, Möbeln und Gemälden, an Burg- und Kirchenwänden zeitlich besser einzuordnen sind.

Im Mittelalter entwickelten sich ab dem frühen 13. Jahrhundert aus der Hirn- oder Beckenhaube zunächst der zylindrische und oben flache Topfhelm. Schon Ende des 14. Jahrhunderts wurde er vom oben abgerundeten Kübelhelm abgelöst. Danach kam der Stechhelm in Mode, der mit seinem dünnen Sehschlitz über dem vorgeschobenen Untergesichtsschutz aussieht wie ein stilisierter Krötenkopf. Anfang des 16. Jahrhunderts entwickelte sich unabhängig von Topf- oder Stechhelm aus dem Eisenhut (tatsächlich ein komplett aus Eisen gefertigter Hut mitsamt Krempe) die geschlossene Sturmhaube.

Die Graffiti der Geburtskirche zeigen Topf- und Stechhelme sowie Sturmhauben und datieren dementsprechend vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Die Topfhelme sind bekrönt von Reiher, Schwan oder Mohrenköpfen. Ein Helm gar wird von einem Wolfsrachen fast verschlungen. Auf den Sturmhauben prangen Drachen und die schon bekannten Büffelhörner, und ein Stechhelm trägt … Eselsohren.

Mit ihren überdrehten Aufsätzen wirken die Helme eher wie aus einem Fantasiefilm als aus dem Mittelalter, doch wirft man einen Blick in die Große Heidelberger Liederhandschrift, die zwischen 1300 und 1340 verfasst wurde, sieht man, dass die Helmzier tatsächlich ausufern konnte. Ein oder zwei Drachenklauen, stehende Fische, ein Glockenturm mit Wetterhahn und ein Käfig mitsamt Vogel bilden die Helmaufsätze der Sänger, deren Lieder in der Handschrift aufgezeichnet sind.

Ich versuche garnicht erst, die Helme, die mir sowohl im Heiligen Land als auch in Deutschland aufgefallen sind, Adelsgeschlechtern zuzuordnen. Dafür fehlt mir ganz einfach das Wissen. Doch an den Säulen der Geburtskirche in Bethlehem Symbole des europäischen Rittertums zu entdecken, die mir immer und immer vertrauter werden, je genauer ich in deutschen Städten, Kirchen und Burgen hinschaue, lässt die Weiten der Welt für mich ein wenig zusammenrücken.