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Helmzier zwischen Orient und Okzident

Was wäre der Ritter ohne seine Rüstung?! Geharnischt und behelmt zog er in die Schlacht, ins Turnier und vor die schönen Damen. Und war er gestorben, wurde ihm ein Helm ins Grab gelegt. Besonders beim Turnier und im Tode wurde herausgeputzt, was das Zeug hielt. Die Rüstung bot zwar viel mehr Fläche zum Dekorieren, doch ausgerechnet der kleine Helm war der Ort des gewagtesten Schmuckes, der Helmzier. Bei Turnieren trugen die Ritter besonders aufwendigen Kopfputz auf ihren Helmen und auch auf dem Grabstein wurde über dem Wappen des Verstorbenen der üppig dekorierte Helm als Teil des Oberwappens abgebildet.

Die Turniere bei denen geschmückte Helme zur Schau gestellt wurden, sind längst Vergangenheit, doch jeder, der sich ein wenig fürs Mittelalter interessiert, hat schon einmal solche Helme, eingemeiselt auf Grabplatten in Kirchen, Schlössern und Burgen, gesehen. Der Helmschmuck, der uns dabei wahrscheinlich am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist, sind Zweige, Hörner, Federn oder Flügel. Diese Motive aus Wald und Flur bildeten die ersten Helmzierden und kamen wohl Anfang des 13. Jahrhunderts auf. Was wir allerdings weniger in Erinnerung haben, da wir sie seltener zu Gesicht bekommen, sind all die anderen Dinge, die auch auf einen Ritterhelm passen. Mit der Zeit nämlich wurden die Aufsätze, die die Helme schmückten, immer abenteuerlicher.

Bekanntschaft mit außergewöhnlicher Helmzier habe ich nicht hier am Geburtsort des Rittertums gemacht, sondern an einem eher untypischen Ort, der Geburtskirche in Bethlehem. Dort befinden sich an den Säulen des Hauptschiffes der Kirche mittelalterliche Graffiti, die die unterschiedlichsten Helme europäischer Adeliger mit den waghalsigsten Helmzierden zeigen. Doch zuerst eine klitzekleine Helmkunde, damit die dargestellten Helme auf Gräbern, Möbeln und Gemälden, an Burg- und Kirchenwänden zeitlich besser einzuordnen sind.

Im Mittelalter entwickelten sich ab dem frühen 13. Jahrhundert aus der Hirn- oder Beckenhaube zunächst der zylindrische und oben flache Topfhelm. Schon Ende des 14. Jahrhunderts wurde er vom oben abgerundeten Kübelhelm abgelöst. Danach kam der Stechhelm in Mode, der mit seinem dünnen Sehschlitz über dem vorgeschobenen Untergesichtsschutz aussieht wie ein stilisierter Krötenkopf. Anfang des 16. Jahrhunderts entwickelte sich unabhängig von Topf- oder Stechhelm aus dem Eisenhut (tatsächlich ein komplett aus Eisen gefertigter Hut mitsamt Krempe) die geschlossene Sturmhaube.

Die Graffiti der Geburtskirche zeigen Topf- und Stechhelme sowie Sturmhauben und datieren dementsprechend vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Die Topfhelme sind bekrönt von Reiher, Schwan oder Mohrenköpfen. Ein Helm gar wird von einem Wolfsrachen fast verschlungen. Auf den Sturmhauben prangen Drachen und die schon bekannten Büffelhörner, und ein Stechhelm trägt … Eselsohren.

Mit ihren überdrehten Aufsätzen wirken die Helme eher wie aus einem Fantasiefilm als aus dem Mittelalter, doch wirft man einen Blick in die Große Heidelberger Liederhandschrift, die zwischen 1300 und 1340 verfasst wurde, sieht man, dass die Helmzier tatsächlich ausufern konnte. Ein oder zwei Drachenklauen, stehende Fische, ein Glockenturm mit Wetterhahn und ein Käfig mitsamt Vogel bilden die Helmaufsätze der Sänger, deren Lieder in der Handschrift aufgezeichnet sind.

Ich versuche garnicht erst, die Helme, die mir sowohl im Heiligen Land als auch in Deutschland aufgefallen sind, Adelsgeschlechtern zuzuordnen. Dafür fehlt mir ganz einfach das Wissen. Doch an den Säulen der Geburtskirche in Bethlehem Symbole des europäischen Rittertums zu entdecken, die mir immer und immer vertrauter werden, je genauer ich in deutschen Städten, Kirchen und Burgen hinschaue, lässt die Weiten der Welt für mich ein wenig zusammenrücken.